Essay

50 Jahre Studienkolleg - ein persönlicher Rückblick

von GERNOT WOLZ

"Sie waren gemein und niederträchtig, sie hämmerten den härtesten Beat herunter und sie machten den gröbsten, provozierendsten Lärm."

Nein, hier ist natürlich nicht von unseren internationalen Studenten die Rede, die im Jahr 1963 erstmals nach Coburg kamen, um im gerade gegründeten Ausländerkolleg ihre Studienberechtigung für Deutschland zu erwerben. Vielmehr handelt es sich um den zeitgenössischen Kommentar zu einem Bühnenauftritt der Rolling Stones. Die Band hatte im gleichen Jahr mit Come On ihre erste Single herausgebracht und platzte als Bürgerschreck mit ihren frühen Konzerten in die Ruhe der Nachkriegsjahre.
Wer über die 50-jährige Geschichte einer Rockband berichten darf, hat es leicht, denn mit Mythen, Legenden und Banalitäten erfolgreicher Stars kann er sich der Aufmerksamkeit seiner Zuhörer bzw. Leser sicher sein. Demgegenüber scheint ein Rückblick zum Jubiläum einer kleinen Institution wie unseres Studienkollegs trocken anzumuten. Und doch - auch in einer Behörde, einem Amt spiegelt sich die Epoche wider.

Das Jahr 1963 war ein Wendejahr der jungen Bundesrepublik. Mit dem Rücktritt des Bundeskanzlers Adenauer gingen die "langen Fünfziger Jahre" und damit die Nachkriegszeit zu Ende. Es begann das, was uns heute als Globalisierung selbstverständlich geworden ist, eine Internationalisierung des Arbeitsmarktes. Das Wort "Gastarbeiter" war in aller Munde. Arbeitsmigranten aus Italien, Spanien, Griechenland, der Türkei wurden benötigt, um das Wirtschaftswunder fortsetzen zu können. In diesem Epochenjahr kam es erstmals zu einem Anwerbeabkommen mit einem afrikanischen Land, mit Marokko, zwei Jahre später folgte eines mit Tunesien.

Vor dem Hintergrund dieser Internationalisierung ist die Gründung des damals so genannten Ausländerkollegs in Coburg zu betrachten. Hinzu kam, dass auf dem Arbeitsmarkt die Nachfrage nach Techniker- und Ingenieursberufen wuchs. Die Coburger Hochschule reagierte in zweierlei Weise auf diesen Wandel: Sie erweiterte mit dem Wintersemester 1963/64 ihr Fächerangebot um Maschinenbau und Elektrotechnik, was mit einer Umbenennung verbunden war: Aus der Staatsbauschule Coburg - Ingenieurschule für Hoch- und Ingenieurbau wurde das Staatliche Polytechnikum Coburg - Ingenieurschule für Bau- und Maschinenwesen. Während dieses Ereignis ein großes Presseecho in den Coburger Zeitungen hervorrief, ging dort unter, dass im Zuge dieser Neuausrichtung auch das Ausländerkolleg gegründet wurde. Ein technisches Studium in Deutschland sollte jungen Menschen aus Ländern der Dritten Welt von jetzt an erleichtert werden - einmal als Beitrag zu einer nachhaltigen Entwicklungshilfe, zum anderen sicherlich aber auch unter dem Aspekt, über Gastarbeiter hinaus höher qualifizierte Arbeitskräfte an Deutschland zu binden.

Wie schwierig sich ein Aufenthalt in der Bundesrepublik für internationale Akademiker vor Errichtung der Studienkollegs gestaltete, möchte ich mit einer eigenen Erinnerung verdeutlichen: Im Jahr 1961 arbeitete mein Vater in Schleißheim bei München an der dortigen Veterinäranstalt, zuständig für Tierseuchenbekämpfung. Damals erlebte ich in einer noch so gut wie homogenen Bevölkerung meine erste - mit einem heutigen Begriff ausgedrückt - multikulturelle Begegnung. Es war ungeheuer aufmerksamkeitserregend, als plötzlich zwei "Neger", so die damals übliche Bezeichnung, jeden Tag hintereinandergehend zur Veterinäranstalt liefen. Ihre gegenseitige Isolierung war dem heimatlichen Kastendenken geschuldet. Zu ihrer Einsamkeit trugen aber auch die fehlenden technischen Standards zu jener Zeit bei. Telefongespräche nach Afrika waren nahezu unmöglich bzw. unbezahlbar, und die Beförderung von Briefen dauerte Wochen. Aber am schwersten wog, dass beide kein Deutsch konnten. Als sie von meinen Eltern eingeladen wurden, sprach mein Vater mit ihnen englisch, meine Mutter französisch, und ich als Kind, der wie alle meine Klassenkameraden noch nie einen Schwarzen gesehen hatte, betrachtete sie stumm und staunend als lebendes Wunder. Ein Studium war für sie in Deutschland also noch undenkbar, lediglich ein Praktikum ließ sich realisieren.

Nachdem unser Studienkolleg unbemerkt von der Presse seine Tätigkeit begonnen hatte, wurde ihm ein Jahr später dann doch endlich ungeteilte Aufmerksamkeit in den Coburger Blättern zuteil. Das Ereignis ist insofern äußerst aufschlussreich, als es für die kritiklose Technikbegeisterung jener Jahre steht. Es ging um die Einrichtung eines Sprachlabors für den Deutschunterricht des Studienkollegs in den Räumen des Polytechnikums. In einem Schreiben an das Kultusministerium schilderte der zuständige Baudirektor die Pannen bei der Erprobungsphase einer "Sprachlehranlage" von Grundig: laufende Ausfälle, Hitzeentwicklung der Röhrengeräte, hohe Wartungskosten, um dann die moderneren, "volltransistorierten" Geräte der Firma Elektron zu empfehlen und um die Genehmigung zur Beschaffung zu bitten. Der Preis betrug 45 411 DM, gemessen am damaligen Brotpreis entspräche das heute ca. einer halben Million Euro. Das Ministerium genehmigte diesen Antrag und die Coburger Journalistik hatte ihre Sternstunde. Enthusiastisch berichteten beide Zeitungen über Coburgs Vorreiterrolle in Sachen technischer Wunderwerke: "Studienprofessor Wuzel thronte hinter einer Art Schaltpult und beschäftigte sich intensiv mit einer ganzen Anzahl von Schaltknöpfen." Und weiter: "Die Sprachkabinen sind auch beinahe mit jungen Menschen aller Rassen besetzt." Schließlich Wuzels Prophezeiung: "Die Methode steckt noch in den Kinderschuhen, aber ich glaube, dass sie der Anfang einer umwälzenden Epoche sein wird."
Es folgte einer Palette der vermeintlichen Vorteile, nur zwei seien hier angeführt:
"Im Gegensatz zum herkömmlichen Sprachunterricht wird der Schüler dazu gezwungen, die Fremdsprache auch zu sprechen." Obendrein wird "das stupide Auswendiglernen der Vokabeln auf ein Minimum beschränkt." Als wäre im herkömmlichen Unterricht nicht gesprochen worden, als ließe sich das Vokabellernen automatisieren. Bei nüchterner Betrachtung hätte jedermann auffallen müssen, dass das isolierte Sitzen in einer kubischen Zelle, die Ohren befrachtet mit einem schweren Kopfhörer, nicht gerade eine angenehme und kommunikative Lernsituation schafft. Mir ist unbekannt, wie lange damit gearbeitet wurde. Als ich jedenfalls zwei Jahrzehnte später hierher kam, existierte kein Sprachlabor mehr, nicht einmal eine Erinnerung daran.

Bei meinem Dienstantritt im Jahr 1983 war manches noch provisorisch. So bestand in meinem Fach Deutsch die 180-minütige Feststellungsprüfung nur aus einer Textwiedergabe. Zwar gab es wenig Bürokratie, aber dieser Vorteil war damit erkauft, dass aufgrund fehlender Regelungen manche Entscheidung der Kollegleitung oder der Dozenten von den Studierenden als willkürlich empfunden werden konnte.
Studentinnen hatten damals Seltenheitswert. In meinem ersten Semester in Coburg fand sich in den drei Kursen, die ich unterrichtete, nur eine einzige junge Frau. Seit wir neben den Technikkursen auch Wirtschaftskurse anbieten, also seit den 90er Jahren, nahm die Zahl der Studentinnen aus allen Regionen der Welt kontinuierlich zu und mittlerweile stellen sie im Wirtschaftskurs in der Regel sogar die Mehrheit.

Noch etwas Wesentliches hat sich geändert. 1983 gaben die Studenten mir zu verstehen, dass sie keinen Sinn im Studienkolleg erkennen könnten, sie lieber gleich mit dem richtigen Studium beginnen würden. Heute schätzen die Studierenden, was sie stofflich und wissenschaftsmethodisch am Studienkolleg lernen, sehen in den zwei Semestern keine verlorene Zeit; sie wissen nämlich, dass nach bestandener Feststellungsprüfung ihre Studienchancen inzwischen größer sind als die deutscher Abiturienten.

Die dreißig Jahre, die ich inzwischen am Studienkolleg unterrichte, waren immer wieder mal von der Befürchtung begleitet, unsere Institution könnte, wie in Nordrhein-Westfalen tatsächlich geschehen, abgeschafft werden. Aber nachdem sich das Bayerische Kultusministerium in den letzten Jahren wiederholt von der Sinnhaftigkeit unserer Arbeit überzeugt zeigte, und wir uns über das positive Feedback der Studierenden freuen können, bin ich zuversichtlich:
Das Studienkolleg Coburg wird noch die älteste, lauteste, größte Rockband der Welt, die Rolling Stones, überdauern!